Die unabhängige russische Zeitung Nowaja Gaseta, einst geleitet vom Nobelpreisträger Dmitri Muratow, will am 9. November schließen, nachdem die Behörden die Wohnung ihres Chefredakteurs durchsucht haben.
Die Nowaja Gaseta, eine der letzten noch in Russland arbeitenden unabhängigen Zeitungen, hat am Freitag, dem 30. Oktober, ihre Schließung angekündigt. In einer auf YouTube veröffentlichten Videobotschaft sagte Chefredakteur Sergej Sokolow, die Zeitung „hört auf zu existieren“; die russischen Spezialdienste hätten die Redaktion gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Am 9. November werde die Belegschaft nach rund 30 Jahren das Licht in ihrem Haus ausschalten und die Server abschalten.
Sokolow führte die Entscheidung auf jüngsten Druck der Behörden zurück. Anfang dieses Monats wurde er zur Befragung vorgeladen, und seine Wohnung wurde im Zusammenhang mit einem Strafverfahren gegen seinen Kollegen Oleg Roldugin durchsucht. Roldugin war im April festgenommen und wegen „unrechtmäßigen Zugriffs auf Computerinformationen“ angeklagt worden, ohne dass weitere Einzelheiten bekannt wurden. Laut der staatlichen Agentur RIA bekannte er sich nicht schuldig; er steht unter Hausarrest, der nach Angaben der Zeitung bis zum 10. November verlängert wurde, während er auf seinen Prozess wartet.
Die Schließung folgt auf Jahre zunehmender Einschränkungen. Seit dem Beginn der Offensive in der Ukraine im Februar 2022 haben die russischen Behörden eine Zensur auf nahezu sowjetischem Niveau eingeführt, die die meisten unabhängigen Journalisten ins Exil gedrängt hat. Die Nowaja Gaseta reduzierte nach Beginn der Offensive ihre Produktion in Russland, verlor im selben Jahr ihre Medienlizenz und wird von Moskau als „ausländischer Agent“ eingestuft – eine Bezeichnung, mit der abweichende Stimmen unterdrückt werden. Ihr früherer Chefredakteur Dmitri Muratow erhielt 2021 gemeinsam mit einem Kollegen den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz zum Schutz der Meinungsfreiheit. Die hier berichteten Angaben stammen aus der Ankündigung der Zeitung, wie sie von Nachrichtenagenturen weitergegeben wurde; die russischen Behörden haben ihre Sicht auf den Fall Roldugin nicht öffentlich im Detail dargelegt.



